Unterricht unter Corona Bedingungen

In einem Interview mit Frau Dr. Grabowsky wollten wir herausfinden, wie diese besondere Phase des Unterrichts von unserer Schulleiterin wahrgenommen wird und welchen Herausforderungen sie sich stellen musste und weiterhin muss.

Emma Hansen:

„Welche Herausforderungen erleben Sie gerade in Sachen Unterricht auf Distanz?“

Frau Dr. Grabowsky:

„Im Distanzunterricht hatten wir eine Schwierigkeit, die an anderen Schulen auftrat, wenigstens nicht. Wir konnten allen Schülerinnen und Schülern, die keine gute digitale Ausstattung hatten, einen Laptop leihen, damit sie überhaupt zu Hause Aufgaben abrufen, bearbeiten und zurückschicken konnten. Was sich aber gezeigt hat, war, dass viele Lehrer/innen selbst noch nicht richtig sicher mit den Möglichkeiten von Iserv umgehen konnten. Das Üben wir jetzt gerade, auch mit unseren Klassen, die auch vieles noch nicht beherrschen. Außerdem haben wir uns nach den ersten Schülerrückmelden zur Versorgung mit Aufgaben ein bisschen „ins Bockshorn“ jagen lassen. Zuerst hieß es: „Wir kriegen viel zu viele Aufgaben, das können wir ja gar nicht schaffen!“ Daraufhin haben sich gerade die Nebenfachlehrer/innen erstmal sehr zurückgehalten, während sich die meisten Hauptfachlehrer/innen, die auch den Anspruch hatten, ihren Schülern individuelle Rückmeldungen zu ihren Aufgabenlösungen zu geben, sehr viel Arbeit mit den Korrekturen gemacht haben. Sollten wir einen neuen Lockdown kriegen, müssen wir die Fächerbeteiligung anders einteilen. Das tun wir gerade. Auch fehlte vielen von uns Lehrern gutes Arbeitsmaterial, das zur digitalen Arbeit geeignet war. Hier haben wir uns inzwischen besser versorgt oder sind dabei, das zu tun. Als wir dann die Klassen nach der langen Schließungszeit jahrgangsweise wieder in den Unterricht zurückgeholt hatten, fand ich es gut, dass wir das Versäumte auch erstmal wieder jahrgangsweise aufarbeiten konnten und nicht gleich wieder alle Klassen auf einmal hatten. Zudem fiel der Unterricht in allen Mischgruppen weg, wie z.B. der Religions- oder Philosophieunterricht, der ja klassenübergreifend stattfindet. Sie durften eine Zeitlang ja noch nicht wieder unterrichtet werden, um die Vermischung der Lerngruppen zu verhindern. Der Sinn der Sache war, in einem Corona fall die Kontakte einzelner Schüler/innen nachvollziehen zu können und die betreffende(n) Klasse(n) ggf. gleich wieder aus dem Unterricht nehmen zu können. Das hätten wir schwertun können, wenn wir Kinder aus vier Klassen gleichzeitig in einer Lerngruppe gehabt hätten. Bei mir ist deshalb also tatsächlich nur eine Klasse übriggeblieben, und das war für mich wie auch für die Kolleg/innen aus dem Schulleitungsteam, denen es ähnlich ging, ein Glücksfall, denn wir hatten seit der Schließungszeit unendlich viel Organisatorisches zu regeln. Wenn wir da noch mehr Unterricht gehabt hätten, hätten wir das überhaupt nicht geschafft.

Als wir dann noch vor den Sommerferien die verschiedenen Jahgangsstufen schrittweise wieder in den Unterricht zurückgeholt haben, war ich persönlich dankbar, dass ich mit der 7. Klasse, die ich in Deutsch hatte, in einem Raum sein konnte, nämlich in der Aula 1. Andere Kolleg/innen mussten in zwei Räumen gleichzeitig unterrichten, was noch anstrengender war. Schon mit einer Lerngruppe in einem so großen Raum wie der Aula war das schwierig. Ich habe zwar eine sehr laute Stimme und kann mich gut verständlich machen, aber die Schüler sprechen eben oft nicht so laut, so dass ich in der großen Aula ständig nachfragen musste, damit alle etwas verstehen konnten, zumal wie ja schon da alle Masken tragen mussten. Das war zwar vielleicht für einige eine gute Übung zum Lautsprechen, aber allein das ständige Nachfragen war schon anstrengend genug. Eine weitere Herausforderung war, dass man auch nicht das gewohnte Equipment zur Verfügung hatte. Dazu gehört zum Beispiel eine richtige Tafel oder ein OHP, der leistungsfähig genug gewesen wäre, um in der Aula überhaupt ein Bild zu projizieren, das alle sehen konnten. Daran haben wir gemerkt, wie dringend wir überall Beamer brauchen. Trotz dieser vielen Herausforderungen habe ich mich gefreut, die Schüler und Schülerinnen nach langer Zeit wiederzusehen. Leider waren die siebten Klassen gerade in der letzten Präsenzphase vor den Ferien dran. Die kamen erstmal nicht ganz so schnell „in die Puschen“, wie das für die kurze Zeitspanne, die wir vor den Ferien noch hatten, nötig gewesen wäre.“

Azra-Mina Bozkurt:

„Außerdem könnte ich mir gut vorstellen, dass es für die Schüler und Schülerinnen eine sehr große Herausforderung war, nicht nur im Unterricht, sondern auch wieder einen konstanten Kontakt zu Freunden und Klassenkameraden zu haben, denn während der Homeoffice-Phase durfte man sich nur selten und vor allem in kleineren Gruppen treffen, und dies galt für einen längeren Zeitraum. Dementsprechend hat man sich umso mehr gefreut, die Freunde und Klassenkameraden wiederzusehen. Jedoch musste man immer die Sicherheitsmaßnahmen im Hinterkopf behalten, die in dem Moment noch galten. Deswegen denke ich, dass das auch eine sehr große Herausforderung mit sich brachte, denn manchmal hatte man die sehr schnell wieder vergessen.“

Frau Dr. Grabowsky:

„Meinem eigenen Empfinden nach haben die Schüler/innen zu der Zeit privat schon längst wieder anders gelebt. Keiner hat mehr auf Abstand geachtet hat und man traf sich schon längst wieder mit Freunden. Die Umstellung, dass die Schüler/innen in der Schule dann plötzlich wieder auf Regeln achten mussten, die eigentlich schon halb wieder vergessen waren, war natürlich auch für euch alle eine Schwierigkeit. Ein Kollege von mir sagte in diesen Tagen einmal: „Die sind jetzt alle total verunkrautet.“ Ich fand diese Bezeichnung sehr treffend, denn auch zu Hause waren viele Schülerinnen und Schüler in dieser Zeit ja tagsüber oft allein und nicht mehr unter ständiger Betreuung der Eltern, die eben tagsüber zur Arbeit waren.

Azra-Mina Bozkurt:

„Wie haben Sie die Situation empfunden, als Sie während des Unterrichts durch die Reihen gegangen sind, um zum Beispiel Arbeitsbögen an die Schüler und Schülerinnen zu verteilen? Wahrscheinlich mussten Sie dort auch den Sicherheitsmaßnahmen entsprechen, indem Sie einen Mundschutz getragen haben, oder?“

Frau Dr. Grabowsky:

„Ja genau. Das war schon eine ungewohnte Situation, weil ich einfach oft erstmal nicht daran gedacht habe, diesen Sicherheitsmaßnahmen zu folgen. Zum Beispiel ist mir ein paar Mal aufgefallen, dass ich die ersten Arbeitsbögen schon verteilt hatte, ohne Handschuhe getragen zu haben. Erst dann habe ich wieder welche angezogen. Das war schon eine Situation, an die man sich erst gewöhnen musste.“

Emma Hansen:

„Wie bleiben Sie momentan mit den Schülern in Kontakt?“

Frau Dr. Grabowsky:

„Über Iserv.Also ich muss tatsächlich noch ein paar Korrekturen zurückschicken, da meine Schüler immer ganz aufmerksam die Aufgaben bearbeitet und mir geantwortet haben, bis auf ganz wenige, die sich da nicht in der Pflicht gesehen und nicht verstanden haben, dass es in ihrem Interesse ist, im Stoff zu bleiben. Meine Kollegen und ich hatten dann auch nicht immer die Zeit, telefonisch bei diesen Schüler/innen nachzuhaken. Natürlich sehe ich mich nach wie vor in der Pflicht, die bearbeiteten Aufgaben, die bisher liegen geblieben sind, noch zu korrigieren und zu kommentieren. Ich habe keine Ahnung, ob das jetzt noch jemand liest, aber selbstverständlich werde ich sie noch korrigieren.“

Azra-Mina Bozkurt:

„Sie bleiben also hauptsächlich in Kontakt mit den Schülern über Iserv, richtig?“

Frau Dr. Grabowsky:

„Ja tatsächlich. Ich gebe aber zu, dass ich in diesen digitalen Dingen auch nicht wirklich geschickt bin. Ich war heilfroh, dass ich E-Mails verschicken konnte, in denen Arbeitsaufträge enthalten waren.

An dem Tag, als die Ansage zum Lockdown kam, das war ein Freitag, war ich gar nicht in der Schule anwesend. Zu dem Zeitpunkt war ich auf einer Schulleiterdienstversammlung in Rendsburg. Alle wussten, dass etwas in der Luft liegt, und als uns dann das Ministerium um 11.00 Uhr informiert hat, dass ab Montag die Schulen geschlossen würden, sind wir Schulleiter erstmal alle an unsere Telefone gestürzt, um unseren Schulen Bescheid zu sagen. Am FSG war das Telefon um die Zeit lange besetzt, so dass ich erst gar nicht durchkam. Mir war aber ganz wichtig, dass noch vor Ende der vierten Stunde noch allen Schülerinnen und Schülern Bescheid gesagt wurde, dass sie unbedingt ihre Schulbücher mit nach Hause nehmen sollten, damit wir für die nächste Zeit eine Arbeitsgrundlage im Distanzunterricht hätten. Alles andere haben dann erstmal Herr Wolff und das Sekretariat organisiert.“

Emma Hansen:

„Haben Sie auch mit dem neuen Modul auf Iserv, worüber wir anhand einer Videokonferenz sowohl mit unseren Lehrern als auch mit weiteren Schülern in Kontakt treten konnten, Erfahrungen sammeln können?“

Frau Dr. Grabowsky:

„Ja, habe ich. Aber nicht nur ich, sondern auch viele Kolleg/innen hatten erst die Erwartung, dass wir uns im Netz mit der ganzen Klasse treffen könnten. Tatsächlich haben wir dann aber gelernt, dass Videokonferenzen am besten in Gruppen von vier oder fünf Leuten funktionieren, was dann natürlich auch bedeutet hat, dass entweder nur mit den Schüler/innen geredet wurde, die die größten Schwierigkeiten hatten, oder dass die Kolleg/innen mehrere Konferenzen pro Klasse abhalten mussten. Auch das war eine Menge Arbeit. Ich beschreibe das deshalb so genau, weil wir Lehrer/innen uns in dieser Zeit oft sagen lassen mussten, wir hätten ja wohl gerade rein gar nichts zu tun. „Für Sie sind das jetzt goldene Zeiten“, sagte ein Vater zu mir, völlig unbeleckt von einer Ahnung, wie viel Organisation und Unterrichtsarbeit in dieser Zeit von uns allen gefordert war. Mir ist ganz wichtig, deutlich zu machen, dass wir nun gerade in dieser Phase überhaupt nicht „auf der faulen Haut gelegen“ haben. Ich habe mich über viele unbedachte Äußerungen in dieser Zeit wirklich sehr geärgert.“

Emma Hansen:

„Ja, als zum Beispiel die gesamte Klasse zur Videokonferenz eingeladen wurde, kam auch häufig das Problem auf, dass nur zehn Schüler überhaupt anwesend waren und davon nur drei aktiv teilnahmen.“

Azra-Mina Bozkurt:

„Bei uns gab es auch häufig Schwierigkeiten mit der Belastbarkeit des Videomoduls, denn wenn drei bis vier Klassen dieselbe Uhrzeit vereinbart haben, kann das Modul sehr schnell zur Überlastung neigen, dementsprechend könnte es Schüler und Schülerinnen geben, die nicht mehr für dieses Modul zugelassen werden, eben weil diese Überlastung herrscht.“

Frau Dr. Grabowsky:

„Die Landesregierung zieht daraus Konsequenzen. Wir werden auf diesem Sektor einen weiteren Ausbau kriegen, nicht nur wegen Corona, sondern weil alle schon länger darüber sprechen, die Digitalisierung in den Schulen voran zu treiben. Allerdings ist bisher noch nicht wirklich viel passiert, muss man sagen. Und entsprechend schwierig war es dann auch, diese Situation zu meistern. Ich glaube trotzdem, dass unsere Schule da gut davor ist, weil wir schon seit längerem Iserv haben, das andere Schulen noch gar nicht haben, und auch weil wir schon immer das „eigenverantwortliche Arbeiten“ mit euch geübt haben.“

Emma Hansen:

„Ich glaube, da waren wir wirklich sehr im Vorteil!“

Frau Dr. Grabowsky:

„Das glaube ich auch, aber dennoch haben sich natürlich überall die Grenzen dieser Arbeitsweise gezeigt, sowohl auf dem jetzigen technischen Stand, als auch auf dem jetzigen Wissensniveau der Lehrkräfte darüber, und das ist im ganzen Land so gewesen. Ich denke, alle haben jetzt begriffen, dass es besser wäre, mehr mit digitalen Geräten zu arbeiten, und jetzt wird es wohl dazu eine neue Plattform der Landesregierung geben. Es gibt sogar Pläne, dass man praktisch vom Kindergarten an auf dieser seinen eigenen Account bekommt und dass man den dann behält, bis der individuelle Bildungsweg zu Ende ist. Ich weiß nicht, ob das die Universität einschließt oder nicht, aber das ist so eine Idee, die jetzt gerade in der Landesregierung im Umlauf ist.  Auf diese Weise ist man super erreichbar und dass natürlich auch die Arbeit damit selbstverständlicher wird, das ist ja klar. Noch ist das wohl Zukunftsmusik, aber man liest schon hin und wieder was darüber.“

Emma Hansen:

„Haben Sie das Gefühl, dass die Infrastruktur an unserer Schule ausreicht?“

Frau Dr. Grabowsky:

Leider funktioniert nach wie vor das Internet noch nicht immer zuverlässig. Außerdem lernen wir jetzt gerade die Arbeit mit einem Smartbord kennen, die viele von uns wirklich begeistert. Bislang haben wir allerdings nur ein Smartbord. Im Dezember soll ein zweites montiert werden. In ein paar Jahren wollen wir alle Fachräume und alle Oberstufenräume damit ausgestattet haben. Gerade hatten wir Beamer mit integriertem Audiosystem für alle Räume bestellt, stellen nun aber fest, dass die in Räumen mit Smartbord gar nicht gebraucht werden, weil dieses Medium ebenfalls eine sehr gute Audiofunktion besitzt. Da wird unser Schulträger, der Kreis Plön, also Gelder umlenken können. Wir müssen uns auch klar machen, dass wir nicht bei allen unseren Schüler/innen eine digitale Ausstattung zu Hause als selbstverständlich ansehen können.“

Azra-Mina Bozkurt:

„Ich könnte mir auch vorstellen, dass sich am Anfang auch die Frage gestellt wurde, ob überhaupt jede/r Schülerin in der Lage gewesen wäre, von zu Hause über die digitalen Geräte zuarbeiten.“

Frau Dr. Grabowsky:

„Genauso war das auch zuerst. Deswegen haben wir eine Abfrage über die Klassenlehrer gemacht, um festzustellen, wie die Schüler/innen denn tatsächlich ausgestattet sind, und haben Schüler/innen dann bei Bedarf Geräte ausgeliehen.“

Azra-Mina Bozkurt:

„Das ist sehr gut geregelt!“

Emma Hansen:

„Was ist ihre größte Sorge im Augenblick?“

Frau Dr. Grabowsky:

„Das ist die Sorge vor einem zweiten Lockdown. Im Augenblick glaube ich nicht daran, dass die Maskenpflicht während des Unterrichts und auf dem Schulgelände nach zwei Wochen vorbei ist. Ich vermute eher, dass wir noch Verschärfungen der Corona Maßnahmen erleben werden. Wenn wir jetzt nochmal länger im Homeoffice arbeiten müssten, würde es schwer, den Lernstoff, den insbesondere unsere Abiturient/innen noch brauchen, noch zuverlässig zu schaffen, auch wenn die Oberstufe beim letzten Mal sehr gut gearbeitet hat. Deshalb ist es gut, dass vonseiten des Ministeriums jetzt schon Absprachen über Bewertungsmaßgaben für das nächste Abitur getroffen werden. In den unteren und mittleren Klassen ist das nicht so schlimm, da haben wir noch Zeit, Dinge wiederaufzuarbeiten, in den Prüfungsklassen jedoch können wir dies nicht.

Emma Hansen:

„Das kann ich mir vorstellen“.

Azra-Mina Bozkurt:

„Auch beim Nachholen von Stoff zahlt sich die Arbeit im Homeoffice auch im Präsenzunterricht wieder aus. Früher oder später muss man den Lernstoff nachholen. Außerdem muss gesagt werden, dass man es immer für sich und nicht für andere tut.“

Frau Dr. Grabowsky:

„Wie war es bei Ihnen? Wie haben Sie die Homeoffice-Phase erlebt?“

Emma Hansen:

„Ich habe die Homeoffice-Zeit in verschiedenen Phasen erlebt. Damit meine ich, dass ich manchmal vier Tage keine Aufgaben erhalten habe. Ich habe mich jeden Morgen eingeloggt, um zu gucken, ob die Lehrer weitere Aufgaben geschickt haben, und jede Stunde den Account aktualisiert, um zu gucken, ob man denn neue Aufgaben hätte bearbeiten können. Einige Lehrer haben die Arbeitsaufträge noch am Abend eingesendet, wohingegen andere Lehrer die Aufgaben am Morgen geschickt haben. Also meiner Meinung nach war das sehr schwer koordiniert, aber es war auf jeden Fall machbar.“

Azra-Mina Bozkurt:

„Dem kann ich mich nur anschließen. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass ich durch die Homeoffice-Zeit weniger Freizeit hatte, obwohl ich die ganze Zeit zu Hause war. Ich saß von morgens bis abends an den Hausaufgaben. Sehr viele Lehrer zum Beispiel haben uns Wochenpläne geschickt, welche wir zu bearbeiten hatten. Ich konnte den Wochenplan nicht einfach an einem Tag erledigen, weswegen ich das Gefühl hatte, dass die Schule die ganze Zeit im Nacken sitzen würde. Dementsprechend habe ich mir umso mehr Druck gemacht und mich oft gefragt, ob ich alles schaffe, was ich mir vorgenommen habe. Ich kann Emma nur zustimmen, wenn sie sagt, dass es machbar war, dennoch habe ich mich selbst des Öfteren unter Druck gesetzt.“

Emma Hansen:

„Unsere nächste Frage richtet sich wieder an Sie als Lehrerin, und zwar was die Lehrer eigentlich während der „Corona-Ferien“ gemacht haben und wie sie das koordiniert haben?“

Frau Dr. Grabowsky:

“Also, den Ausdruck ‚Corona-Ferien‘ finde ich ja schon mal äußerst seltsam, das hab‘ ich ja schon gesagt. Und was meinen Sie jetzt mit koordinieren?“

Emma Hansen:

„Also festzustellen und zu überprüfen, ob jeder Schüler die bearbeiteten Aufgaben einsendet, korrigiert und zurücksendet…“

Frau Dr. Grabowsky:

„Ich habe meiner Klasse ein bis zweimal in der Woche ein größeres Aufgabenpaket geschickt, z.B. Aufgaben zur Bearbeitung einer Ballade, und ca. eine Woche Zeit zur Bearbeitung gegeben. Am Anfang habe ich versucht, jedem Schüler und jeder Schülerin eine ausführliche individuelle Rückmeldung zu geben, und habe natürlich vermerkt, wer mir Lösungen geschickt hatte und wer nicht. Damit hatte ich praktisch zweimal in der Woche eine Situation, als wenn ich eine Klassenarbeit korrigieren müsste. Obwohl andere Kolleg/innen noch viel mehr Lerngruppen zu betreuen hatten als ich, habe ich das irgendwann in dieser Form nicht mehr geschafft, weil eben auch viel Schulleitungsarbeit anstand. Ich merkte dann, dass die Schüler/innen immer länger auf Rückmeldungen warten mussten, und das wollte ich auch nicht. Dann habe ich mir angewöhnt, Musterkorrekturen zu erstellen. Ob das überhaupt geht, hängt aber sehr von den Aufgaben ab. Bei Grammatik ist das kein Problem, bei Aufsatzthemen schon deutlich mehr. Ich habe ein paar Arbeiten korrigiert, um dann feststellen zu können, wo die Fehlerschwerpunkte lagen oder was besonders gut lief. Dann habe ich eine Musterkorrektur erstellt, indem ich die Schüler darauf aufmerksam gemacht habe, worauf sie besonders achten mussten. Ich hatte das Gefühl, dass ich auf diese Weise den meisten Lernenden auch tatsächlich helfen konnte. Allerdings wurden die so erbrachten Leistungen der Schüler/innen ja nicht zensiert, was nicht jedermanns Motivation gehoben hat. Das wäre bei einem neuen Lockdown ja anders.“

Azra-Mina Bozkurt:

„Ich persönlich finde Musterlösungen auch sehr hilfreich. Vor allem weil die Fehler, welche häufig gemacht wurden, zusammengetragen und somit die Schüler auf diese Fehlerschwerpunkte aufmerksam gemacht haben.“

Frau Dr. Grabowsky:

„Sonst geht es doch gar nicht. Also dann korrigiere ich doch keine Aufgaben, wenn die hinterher nicht nochmal angeguckt werden, das ist doch klar.“

Azra-Mina Bozkurt:

„Unsere ehemalige Mathelehrerin hat uns am Anfang der Homeoffice-Phase das Angebot gemacht, ihr unsere Festnetznummern zukommen zu lassen. Das aus dem Grunde, dass wenn wir zum Beispiel eine Aufgabe oder sogar ein Thema nicht verstanden haben, hätte sie uns angerufen und versucht uns die Aufgabe oder das Thema über das Festnetztelefon zu erklären. Nicht nur das, sie hat sowohl das Aufgaben-Modul als auch die Videokonferenz genutzt, um uns den Lernstoff beizubringen. Und diesen Einsatz ihrerseits habe ich persönlich sehr geschätzt.“

Frau Dr. Grabowsky:

„Da sehen Sie mal! Das hat natürlich nicht jeder von uns gemacht, aber viele haben sich wirklich viel Mühe gegeben. Jetzt müssen wir auf eine geregelte Weise alle Kolleginnen und Kollegen ins Boot holen. Dazu haben wir auch schon Ideen entwickelt, die ein bisschen mehr Gerechtigkeit in der Arbeitsbelastung herstellen sollen.“

Azra-Mina Bozkurt:

„Wir bedanken uns recht herzlich für die Zeit, die sie sich genommen haben und für die ausführlich beantworteten Fragen.“

Frau Dr. Grabowsky:

„Sehr gerne!“