„Der Besuch der alten Dame“: Klassiker neu erlebt im Schauspielhaus Kiel

Die Inszenierung von „Der Besuch der alten Dame“ im Schauspielhaus Kiel verlegt Dürrenmatts Klassiker ins Heute. Das Stück handelt von der Millionärin Claire Zachanassian, die der Bevölkerung eines kleinen Ortes ein unmoralisches Angebot macht.

Die schauspielerische Arbeit war einmalig. Besonders Alfred Ill war stark körperlich präsent – mit echter Panik und zunehmender Angst. Schauspielerisch absolut überzeugend. Trotzdem war dieser Ill anders als der im Buch: weniger der beliebte Bürger, mehr ein gebrochener, selbstmitleidiger Mann, der sich selbst verloren hat. Seine Uneinsichtigkeit am Anfang und sein innerer Absturz wurden sehr glaubwürdig gespielt. Das machte es jedoch auch schwer, mit ihm zu fühlen.

Claire hingegen ging daneben fast unter. Sie war zu leise, zu vorsichtig – gerade da sie eigentlich alles überstrahlen müsste. Es kam manchmal etwas zu viel Zurückhaltung statt Macht oder Kälte. Das ist schade … da wäre mehr möglich gewesen.

Die Nebenfiguren waren stark. Der Arzt ist nun eine junge, unsichere Referendarin, der Chor eine Gruppe junger Menschen. Das verändert das Stück: Die Figuren wirken näher an der heutigen Zeit, aber auch weniger klar in ihrer Verantwortung. Das Spiel mit der „Schuld“ wird dadurch etwas weicher und weniger direkt.

Das Bühnenbild war stark minimiert. Der Hintergrund war im ersten Akt komplett schwarz, im zweiten standen dauerhaft riesige Buchstaben, die „LOVE“ bildeten. Das unterstrich die dunkle Stimmung im Dorf und lenkte nicht von der Atmosphäre ab. Das Konzept wirkte jedoch etwas irritierend – es war nicht ganz stimmig.

Die Treppe als Taxi, Balkon oder „Grenze“ war klug eingesetzt. Der Tisch war flexibel nutzbar. Alles sehr funktional, wodurch die Umbauten schnell und im passenden Timing abliefen. Etwas mehr Ausstattung hätte jedoch nicht geschadet.

Die Kostüme waren sehr gut gewählt. Man konnte sofort erkennen, wer wer ist – nur das Kostüm des Polizisten ließ zu wünschen übrig. An Requisiten wurde reichlich gearbeitet, was die Inszenierung unterhaltsam machte. Besonders die Geschenke waren gelungen.

Insgesamt war das Ensemble aber hervorragend. Besonders auch der Bürgermeister und der Polizist überzeugten mit ihrem schleichenden Werteverfall. Der zweite Ehemann lockerte die Stimmung auf und setzte einen gelungenen Kontrast. Zudem war die Aufführung insgesamt sehr unterhaltsam.

Trotz allem blieb der Abend in Bezug auf Ill etwas distanziert und nicht ganz überzeugend. Dennoch war die Modernisierung gut durchdacht und das Schauspiel glaubwürdig. Etwas mehr Bühnenbild wäre wünschenswert gewesen – so aber kam die Atmosphäre der Stadt und des Werkes dem Publikum näher.

Am Ende nahm sich Ill das Leben.